Studenten optimal vorbereiten

Praxisorientierung heißt das Zauberwort. Statt eines akademischen Elfenbeinturms ist heute der Bezug zum Berufsleben gefragt. Wie das Studium zum Lackingenieur an der Hochschule Niederrhein in Krefeld auf die Praxis im Berufsleben vorbereitet, erläutert Professor Dr. Thomas Brock in einem ausführlichen Interview.

Herr Professor Brock, ist es richtig, dass sich die Forschung und Lehre im Fachgebiet Farbe und Lack vor allem auf die Praxis konzentriert?

Prof. Dr. Thomas Brock: Das gilt sicherlich gerade für die Fachhochschulen. Sie sollen ja auch keine Institute der Grundlagenforschung sein, sondern verstärkt in Richtung Anwendungstechnik beziehungsweise Entwicklungstätigkeit ausbilden. Darauf sind unsere Studenten auch eingestellt. Für Forschung im engeren Sinn gibt es zum Beispiel physikalische Chemie, Polymerkunde-Lehrstühle und andere Fächer an den Universitäten. Für die Grundlagen der großen Entwicklungsschritte in der Lackchemie, wie zum Beispiel Pulverlacke, Strahlenhärtung, Floppende Pigmente oder Nanotechnik, waren in der Vergangenheit häufig Kreative aus anderen Disziplinen verantwortlich, kaum aber Lackfachleute, die das bewirkt haben.

Warum ist das so?

Brock: Die gerade genannten ersten Entwicklungsschritte wurden weniger in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (FuE) der Lackindustrie gemacht, sondern meistens in der Lackrohstoffindustrie. Aber diese Erfolge wären ohne Lackkompetenz undenkbar. Oft gehen ja Lackfachleute, Ingenieure ebenso wie Chemiker, aus der Lackindustrie in die Lackrohstoffindustrie, spezialisieren sich dort weiter und sind dann mit ihrem Lackwissen im Hinterkopf in der Lage, Pigmente und Bindemittel weiter zu entwickeln. Dafür gibt es viele Beispiele. Rohstoffhersteller leiden meist unter einem chronischen Mangel an Lack-Know-how und versuchen, ihn durch Übernahme von lackerfahrenen Kräften aus der Lackindustrie zu beseitigen. Das ist ja auch sinnvoll. Und hier liegt auch in Zukunft die Chance und Bedeutung der Lackingenieure und der anderen Lackfachleute: Sie sollen sowohl den Kern der Labormannschaft bei der FuE der Lackhersteller stellen als auch in der Lackrohstoffherstellung aktiv sein. Nicht ohne Grund sind Lackingenieure dort genauso begehrt.

Die Zahl der studierenden Lackingenieure ist recht niedrig. Woran liegt das und was müsste getan werden, um das zu ändern?

Brock: Tatsächlich haben wir zu wenige Absolventen. Die Gründe liegen meiner Meinung nach zunächst in einer weit verbreiteten Technikfeindlichkeit an Schulen bis hin zum schlichten Streichen von Chemieunterricht und -Leistungskursen. Wir haben insgesamt zu wenig Studenten in Fächern wie Chemie und Maschinenbau. Wir leiden unter dem "bösen" Image der Naturwissenschaften in der Öffentlichkeit. Hinzu kommt, dass gerade die Chemie als mathematisch und theoretisch besonders anspruchsvoll gilt. Weiterhin: Der Beruf des Lackingenieurs mit seinen hervorragenden Start-Perspektiven ist einfach zu wenig bekannt. Wir haben zusammen mit Verbänden, Arbeitsämtern, Chemieunternehmen und einer Reihe von Schulen schon zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen durchgeführt, um diese Vorurteile und Mängel abzubauen. Hier werden wir unsere Aktivitäten weiter verstärken.

Die Attraktivität der Ausbildung hängt gewiss auch von der Attraktivität der Ausbildungsstätten ab.

Brock: Die Kluft zwischen Ausstattung und Lernumfeld für die Studierenden auf der einen und industriegerechter Arbeitsnotwendigkeiten auf der anderen Seite wird auf Grund sinkender Hochschulbudgets größer und größer. Und das in einer Situation, wo der Mangel an Lackingenieuren als Nachwuchskräfte für die Lackindustrie und in vielen damit verknüpften Bereichen zunimmt. Die Ausbildung an unserer Hochschule ist kein Selbstzweck, sondern Dienstleistung für die Industrie. Um also das Niveau der Lackingenieurausbildung zu sichern und zu verbessern, haben wir mit Unterstützung durch die EU über geförderte Projekte (siehe auch unter www.eccs-online.de) die Ausstattung hinsichtlich der Lacktechnik, der Apparate und des Personals in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Gleichzeitig haben wir im Dezember 1998 für die Studienrichtung Lackingenieurwesen mit Unterstützung durch Industrieunternehmen einen Förderverein gegründet, so dass unser Serviceangebot an interessierte Unternehmen modernisiert werden konnte, beispielsweise mit Diplomarbeiten und FuE-Projekten.

Was bietet dieser Förderverein?

Brock: Er vermittelt bei Bedarf Absolventen, Diplomanden und Praxissemester-Studenten. Die fördernden Mitglieder sind dazu am „schwarzen Brett“ der Hochschule präsent. Von den Mitglieder vorgeschlagene theoretische und praktische Wissensinhalte werden bei der Ausbildung der Studenten mit berücksichtigt, soweit sie in den Ausbildungsrahmen passen. Die Mitglieder tauschen sich untereinander mittels Workshops und Kolloquien fachlich aus, helfen, die Kontakte zwischen und mit den „ehemaligen Krefeldern“ aufrecht zu erhalten und werden über alles informiert, was im Lack „läuft“.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit anderen Schulen in Sachen Ausbildung in Deutschland aus?

Brock: Wir arbeiten mit einer Reihe von Fachhochschulen und Universitäten, auch im Ausland, zusammen. Die Schwerpunkte der deutschen Ausbildungsstätten Esslingen und Krefeld unterscheiden sich nicht gravierend. Hinsichtlich der Gewichtung von beispielsweise Chemie, Design, Applikationstechnik, Instandhaltung und Korrosionsschutz gibt es kleine Unterschiede. In Krefeld legen wir etwas mehr Gewicht auf die Chemie der Lacke und der Rohstoffe. Das liegt auch an unserer geografischen Lage, im Einzugsbereich der Rhein/Ruhr-Chemie. Wir merken immer wieder, dass gerade diese Kenntnisse erwartet werden. Insofern entwickeln wir diese Stärke weiter, zum Beispiel durch frühzeitige Einbindung der Studenten in Kooperationsprojekte mit der einschlägigen Industrie.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Verbänden in Europa?

Brock: In Europa bestehen gute Kontakte zum VdL, zum VILF, zur Fachgruppe APi der GDCh, und zur FATIPEC. Wir liefern regelmäßig Beiträge und arbeiten in den Gremien mit. Zu den Vortragsveranstaltungen der genannten Vereinigungen werden übrigens ausdrücklich auch die Studenten eingeladen. Meist gibt es dafür sogar Reisekosten-Zuschüsse. Nach Nordamerika oder Osteuropa haben wir nur sporadisch Kontakte, beispielsweise wenn es um die Durchführung einer Diplomarbeit im Ausland geht. Unsere Hauptzielrichtung ist die Industrielandschaft in Deutschland.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit in der Zukunft?

Brock: Mir geht es so wie den meisten Lackkollegen: Nach dem Studium ist man meist zufällig in den Lack "gerutscht", genauer gesagt: ins kalte Wasser geworfen worden. Als gemeiner Chemiker habe ich nicht "Lack gelernt". Doch je länger ich dabei bin, desto faszinierender erscheint mir die Chemie und Technologie rund um den Lack. Es erstaunt immer wieder, wie wenig sich Außenstehende unter dieser Materie vorstellen können. Da liegt sicher eine tolle zusätzliche Zukunftsaufgabe: Lackfremden zumindest Teilaspekte interessant vorzustellen. Wir versuchen das über viele Schülerveranstaltungen in der Hochschule (z.B. am Tag der offenen Tür oder beim „Schnupperstudium“), hin und wieder sogar durch Verknüpfung von Alchemie und Farbe in kleinen Schauveranstaltungen, vor Schülern ebenso wie vor Unternehmern. Wenn dann auch nur bei Einem etwas Begeisterung übergesprungen ist, hat es sich schon gelohnt.

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