Streng geheim: Eine Lackingenieurin auf der Suche nach den Beschichtungen von morgen

Für die Lackingenieurin Yvonne Wilke ist die Arbeit am Fraunhofer-Institut Fertigungstechnik und Materialforschung (IFAM) in Bremen ein Traumjob. Denn die Beschäftigung an einem Forschungsinstitut stellt für Lackingenieurinnen und Lackingenieure eine ganz besondere Herausforderung dar. „Wenn man hier arbeiten will, muss man Ideen haben“, bringt Yvonne Wilke die beruflichen Anforderungen am Fraunhofer IFAM auf den Punkt.

„Aber gerade das macht auch den Reiz der Arbeit aus“, erzählt sie. „Es ist aufregend, wenn wir im Team zusammen sitzen und gemeinsam Ideen für zukünftige Beschichtungskonzepte entwickeln.“ Die Forschungsarbeit am Institut ist äußerst spannend. Yvonne forscht zur Zeit unter anderem an kratzfesten Beschichtungen für den Automobilbereich. Eigentlich ist alles geheim, was am Fraunhofer IFAM entwickelt und geforscht wird, aber so viel kann sie doch verraten.

Zukunft gestalten
Welche Eigenschaften werden die Farben und Lacke der Zukunft haben? Welche zusätzlichen Funktionen könnten sie übernehmen, die weit über den Schutz von Oberflächen und die farbige Gestaltung der Umwelt hinausgehen? Könnten neuartige Bindemittel Farben ganz neue Eigenschaften geben, die sich heute noch niemand vorstellen kann? All diese Fragen beschäftigen Yvonne Wilke, die seit knapp zwei Jahren am IFAM beschäftigt ist. Die gelernte Lacklaborantin, die ihr Studium zur Lackingenieurin an der Hochschule Krefeld absolviert hat, steht ein wenig unter Zeitdruck als wir sie in Bremen treffen, denn sie hat an diesem Tag noch einen wichtigen Termin beim Flugzeughersteller Airbus vor sich. Die Airbus Deutschland GmbH in Bremen ist einer der großen Referenzkunden des Fraunhofer IFAM, für den bereits zahlreiche lacktechnische Aufgaben bearbeitet wurden. „Wir haben beispielsweise neue Lacksysteme und Lackierverfahren für das Unternehmen qualifiziert“, erklärt Dr. Volkmar Stenzel, Yvonnes Chef und Leiter des Bereichs Lacktechnik am IFAM. „Qualifizieren heißt, Anforderungsprofile für bestimmte Beschichtungen zu entwickeln oder gegebenenfalls zu modifizieren und die entsprechenden lacktechnischen Prüfungen durchzuführen. Ein anderes Beispiel: Als es darum ging, die Trocknung der Lackierung eines Airbus mit Hilfe von Infrarot zu beschleunigen, haben wir hier im Institut die Verträglichkeit der Lacke und Dichtstoffe mit dieser Trocknungsmethode getestet, die anschließend dort eingesetzt werden konnte“, fügt Stenzel hinzu. „Das Aufregende ist, dass wir hier neue Lacksysteme entwickeln und ausprobieren können. Damit sind wir so etwas wie ein Innovationsmotor für die Lackindustrie“, beschreibt Yvonne das Selbstverständnis der Mitarbeiter am Institut. „Umsetzen muss unsere Entwicklungen dann aber die Industrie. Denn am Ende unserer Projektarbeit haben wir keinen gebrauchsfertigen Lack hergestellt, den wir verkaufen können, sondern umfassende Forschungsarbeit geleistet, die in Form eines Berichts dokumentiert ist.“

Partner der Industrie
Aber das IFAM ist nicht nur eine Brutstätte für innovative Forschungen, sondern lebt auch von ganz konkreten Aufträgen aus der Industrie. „Unsere Kunden sind Lackhersteller und Rohstofflieferanten, aber auch Anwender, wie zum Beispiel Fahrzeuglackierereien, die für ein bestimmtes Problem eine praktikable und meist auch kostengünstige Lösung benötigen“, erläutert Yvonne. „Mit der geballten Fachkompetenz und der hervorragenden Ausstattung der Labors mit modernstem technischen Gerät haben wir hier ganz andere Möglichkeiten als die Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens. Wir können hier sämtliche Probleme im Bereich der Lacktechnik nachvollziehen, analysieren und lösen. Darin besteht in der Hauptsache unsere Leistung.“

Abwechselung durch Themenvielfalt
Im Gespräch mit Yvonne wird deutlich, dass die Arbeit an einem Forschungsinstitut ganz andere Herausforderungen an die Arbeitsweise eines Lackingenieurs stellt als die Arbeit in einem Unternehmen. „Hier haben einzelne Projekte eine bestimmte Laufzeit, in der sie bearbeitet werden müssen“, erläutert sie. „Wenn sie abgeschlossen sind, liegt schon ein neues Thema auf dem Tisch. Routine oder gar einen eintönigen Arbeitsalltag gibt es hier nicht. Der Themenwechsel, die Bereitschaft, sich immer wieder mit neuen Fragestellungen auseinander zu setzen und sich neuen Aufgaben zu stellen: diese Vielseitigkeit macht für mich den Reiz der Arbeit am IFAM aus.“

Berufsanfänger werden nicht geschont
Natürlich ist die Umstellung vom Studium, in dem eher Basiswissen vermittelt wird, auf die Arbeit im Institut nicht ganz so einfach und erfordert Mut, Selbstbewusstsein und großes Engagement, um sich das entsprechende Spezialwissen für bestimmte Aufgabenstellungen unverzüglich anzueignen. „Denn auch Berufsanfänger werden hier nicht geschont und müssen sich möglichst schnell mit den jeweiligen Fragestellungen vertraut machen, um konstruktiv mitarbeiten zu können“, weiß Yvonne aus Erfahrung. Auch der Schwerpunkt der Arbeit verschiebt sich vom Labor zum Schreibtisch. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringt Yvonne damit, Projektanträge zu stellen, Angebote zu verfassen, Versuchsergebnisse auszuwerten und Forschungsberichte zu verfassen

Nährboden für Innovationen
Das Ziel jedes Forschers ist es natürlich, irgendwann eine bahnbrechende Entdeckung zu machen, die für den Einsatz von Farben und Lacken neue Möglichkeiten eröffnet. Das gilt natürlich auch für Yvonne: „Es wäre großartig, beispielsweise eine neue Generation von Bindemitteln zu entdecken oder Farben und Lacke mit ganz neuen Funktionen zu entwickeln,“ schwärmt sie. Um dieses Ziel zu erreichen, bietet das Fraunhofer IFAM einen guten Nährboden. Denn die Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen arbeiten hier fächerübergreifend zusammen. „Durch die Vernetzung der Lacktechnik mit den Bereichen Klebtechnik, Korrosionsschutz, Plasmatechnik, Polymerentwicklung und Oberflächenanalytik, durch die Kombination von ganz unterschiedlichem Wissen, das am IFAM vorhanden ist, können sich auch neue Möglichkeiten für innovative Entwicklungen ergeben“, ergänzt Yvonne. Und dann muss sie aufbrechen, der Termin beim Kunden Airbus steht an. Was dort besprochen wird ist natürlich wieder streng geheim.

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